Curtis Senior Member

  Age : 53 Joined : 28 Jun 2007 Posts : 2385 Location : La planète Terre Languages/Langues/Idiomas/Sprachen : En/Fr/Es/Sv/De
| Subject: Gebrauch des Begriffs "Intersexualität" Wed Apr 23, 2008 9:13 pm | |
| Irreführender Gebrauch des Begriffs "Intersexualität" durch die Medien
Liebe Medienschaffende
Heute zeigt das Internationale Frauenfilmfestival 2008 in Köln als Eröffnungsbeitrag den Film "XXY" der argentinischen Regisseurin Lucia Puenzo, der das Thema Intersexualität behandelt. Der Verein Intersexuelle Menschen e.V. freut sich sehr, dass das Frauenfilmfestival mit "XXY" einer sensiblen Darstellung unserer Lebensrealität als intersexuelle Menschen diese einmalige Plattform bietet. Noch dazu in der Stadt Köln, die in den letzten Monaten zu einem historischen Schauplatz für Intersexuelle wurde: Am 6. Februar 2008 gewann die zwischengeschlechtliche Christiane Völling, nach einer nie da gewesenen Monate langen Medienpräsenz, in erster Instanz den Prozess gegen ihren ehemaligen Operateur. Da kommt Freude auf. Ebenso darüber, dass auch die Medien das Thema aufgriffen.
Leider wird diese Freude sogleich wieder getrübt durch den irreführenden Gebrauch des Begriffs "Intersexualität" in einigen Vorankündigungen. So wurde zum Beispiel in der "Kölnischen Rundschau" vom 18. April 2008 einmal mehr Intersexualität fälschlicherweise mit Transsexualität gleichgesetzt (mehr).
Durch solche und andere fahrlässige Verbreitung von Fehlinformationen durch die Medien wird allen Betroffenen erheblicher Schaden und Leid zugefügt. Dies gilt in besonderem Masse für mit uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen geborene Menschen (Intersexuelle, auch bekannt als Hermaphroditen oder Zwitter), von denen in Deutschland ca. 100'000 leben. Diese werden in der Regel als Kinder vor dem 2. Lebensjahr ohne ihre Einwilligung an ihren uneindeutigen Genitalien zwangsoperiert und danach ihr Leben lang angelogen, um ihnen ihr wahres Geschlecht zu verheimlichen. Die meisten werden 'zu Mädchen gemacht', d.h. eine zu grosse Klitoris respektive ein zu kleiner Penis wird operativ verkleinert oder gar amputiert. Dabei wird in Kauf genommen, dass das sexuelle Empfinden vermindert oder gänzlich zerstört wird. Zudem werden sie kastriert, d.h. es werden ihnen die gesunden, Hormone produzierenden inneren Geschlechtsorgane entfernt, was eine lebenslange Substitution mit körperfremden Hormonen zur Folge hat, die wiederum oft zu gravierenden gesundheitlichen Problemen führt. Die Tabuisierung und Unsichtbarmachung der Betroffenen in der Öffentlichkeit trägt massgeblich dazu bei, dass diese menschenrechtswidrige Praxis weiterhin andauert.
Umso wichtiger ist es, korrekt über Intersexualität aufzuklären, wobei den Medien eine besondere Verantwortung zukommt – gerade jetzt, wo unter anderem dank Christiane Völling oder dem kommenden Kinostart des Films "XXY" (Besprechung einer Betroffenen) die Existenz intersexueller Menschen zunehmend Gegenstand öffentlichen Interesses wird. Die Filmverleiher im deutschsprachigen Raum haben dahin gehend ein Zeichen gesetzt, dass sie ihre Verantwortung wahr nahmen und differenziert über die Thematik informieren.
Wird hingegen wie im obigen Beispiel einmal mehr medial dazu beigetragen, dass Intersexuelle nicht wahrgenommen und stattdessen mit Transsexuellen verwechselt werden, hat das für die Betroffenen verheerende Folgen. Viele Intersexuelle leiden darunter, dass sie zuerst von einer menschenrechtswidrigen Medizin und danach in der Öffentlichkeit pauschal mit Transsexuellen gleichgesetzt werden. Auch Christiane Völling muss beispielsweise neben der in erster Instanz gewonnenen Schadenersatzklage in zwei weiteren Verfahren gegen Mediziner und Behörden kämpfen: Das Amtsgericht Kleve und der MDK Köln verweigern ihr seit bald zwei Jahren Personenstandsänderung und "Rekorrektur-OP" – stattdessen wird Christiane Völling von beiden Stellen bedrängt, in ein für sie verhängnisvolles Verfahren nach dem Transsexuellengesetz einzuwilligen.
Der Verein Intersexuelle Menschen e.V. appelliert im Namen der Betroffenen an alle Medienschaffenden, ihre Verantwortung wahrzunehmen, sich über Intersexualtät zu informieren und faktentreu, kompetent und differenziert über darüber zu berichten. Da Begrifflichkeiten Fakten schaffen, ist nicht zuletzt eine trennscharfe Behandlung von Intersexualität und Transsexualität sehr wichtig.
Liebe Medienschaffende, bitte lasst uns intersexuelle Menschen nicht im Stich! Für Fragen und Auskünfte stehen wir Ihnen jederzeit gerne zur Verfügung. Herzlichen Dank für Ihren Beitrag zur Verbesserung unserer Situation!
Daniela Truffer 1. Vorsitzende Intersexuelle Menschen e.V.
Mehr Informationen: http://intersexuelle-menschen.net http://xy-frauen.de http://intersex.at http://intersex.ch
Kontakt: Intersexuelle Menschen e.V. c/o Anja Kumst Slebuschstieg 6 20537 Hamburg vorstand@intersexuelle-menschen.net _________________ Curtis E. Hinkle http://tinyurl.com/2kv4dw |
|